Der Aufschrei war groß, als der belgische Tiefkühlgemüsehersteller Ardo am 24. September verkündete, die Produktion am Standort der Ardo Austria Frost GmbH im niederösterreichischen Groß Enzersdorf kommendes Jahr einzustellen. Rund 500 Bauern sind, als Mitglieder der ausschließlich für Ardo produzierenden Erzeugerorganisation Tiefkühlgemüse (ETG), direkt betroffen. Hinzu kommen 190 Mitarbeiter in der Ardo-Fabrik sowie 50 Leiharbeiter. Umgehend nach Bekanntwerden der Pläne nahmen Vertreter der Bundes- und Landespolitik sowie AK und LK mit dem Betreiber Kontakt auf. Kein Wunder, denn mehr als 80 Prozent des hierzulande vermarkteten (heimischen) Tiefkühlgemüses stammt aus der Ardo-Fabrik. Spinat, Grünerbsen, Gemüsesoja, Bohnen, Karotten, Rotkraut, Kürbis und Kräuter landen in Groß Enzersdorf in den Verpackungen für Marken wie „Iglo“ und nahezu alle Eigenmarken des Lebensmitteleinzelhandels.
Angebot ausgeschlagen
Nach der zweiten Gesprächsrunde am Mittwoch teilte die Politik allerdings mit, auf taube Ohren gestoßen zu sein: „Trotz intensiver Bemühungen von Bund, Land, Landwirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Wirtschaftskammer lässt Ardo auf Management-Ebene bisher weiter jede Kompromissbereitschaft vermissen.“ Daher versuche man nun, mit der Eigentümerfamilie Kontakt aufzunehmen.
Die Ardo-Führung teilte gegenüber der APA wiederum mit, „Subventionen oder jede andere Form direkter oder indirekter Unterstützung würden die strukturellen wirtschaftlichen Herausforderungen des Werks nicht beheben und das Unternehmen potenziellen rechtlichen und finanziellen Risiken aussetzen.“ Offenbar fürchten die Manager, dass eine umfangreiche Unterstützung einer rechtlichen Prüfung durch die EU-Kommission „auf Grundlage der Vorschriften über staatliche Beihilfen und des Wettbewerbsrechts nicht standhalten“ würden. Die Aufrechterhaltung „eines strukturell unrentablen Betriebs mithilfe öffentlicher Subventionen“ sei zudem keine „nachhaltige langfristige Lösung“, wird Ardo von der APA zitiert.
100 Mio. Euro Investitionsvolumen vs. langjährige Verlustüberträge
Schon bei seiner ersten Ankündigung über das mögliche Auslaufen des Werks in Groß Enzersdorf hatte Ardo erste Zahlen genannt. Unternehmensangaben zufolge stünden im Werk 100 Mio. Euro an Investitionen an, um dringend notwendige Modernisierungen umzusetzen. Diese seien auf dem „relativ kleinen heimischen Markt“ (Anm. in Österreich) nicht wirtschaftlich.
Tatsächlich schrieb Ardo Austria Frost zuletzt in seinen (öffentlich einsehbaren) Bilanzen mit dem laufenden Betrieb stets schwarze Zahlen. So betrug das Ergebnis vor Steuern 2024 rund 950.000 Euro. Diesem Plus standen aber über Jahre hinweg Verlustvorträge im zweistelligen Millionenbereich gegenüber. Entsprechend wenig wurde am Standort investiert.
Zentrale im Aufwind
Dass das so nicht sein muss, zeigte der Konzern selbst vor rund drei Jahren einer Gruppe von Agrarjournalisten. Auf Einladung der EU-Kommission führte der operative Geschäftsführer Bernard Haspeslagh, Spross der Eigentümerfamilie, die Fachpresse durch die Zentrale im belgischen Westflandern. Seit den 1970er-Jahren stellt Ardo dort – eine halbe Autostunde vom Hafen Brügge entfernt – Tiefkühlgemüse her.
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Vor Journalisten präsentierte COO Haspeslagh 2023 noch stolz die Investitionsbereitschaft des Konzerns.
Und siehe da, in Belgien war der Konzern sehr wohl willens zu wachsen und zu optimieren. Wie die BauernZeitung vor Ort erfuhr, entstand bei Ardo in den vergangenen Jahren etwa eine Brauchwasserlagune mit 150.000 Kubikmetern Fassungsvolumen samt 22 Kilometer an Pipelines, welche örtlichen Vertragslandwirten zur Bewässerung dienen. Weiters wurde für Verarbeitungsabfälle eine Biogasanlage mit zwei Fermentern (Jahresoutput 10 Mio. Normkubikmeter) errichtet. Das Gas wird bei Ardo für den eigenen Bedarf verstromt und liefert 20.000 MWh pro Jahr. „Es geht uns dabei nicht nur um Profit, sondern auch um langfristige Effekte“, erklärte Ardo-Boss Haspeslagh damals. Im Marchfeld scheint die Sache anders zu sein.
Verkauf kein Thema
„Wir sehen den Standort Österreich, was Lebensmittelverarbeitung betrifft, vor großen Herausforderungen“, kommentierte Wifo-Agrarökonom Franz Sinabell diese Woche gegenüber dem ORF die Ereignisse in Groß Enzersdorf. Tatsächlich erklärte Ardo bereits, den österreichischen Markt künftig mit Gemüse aus seinen Werken in Westeuropa versorgen zu wollen. Entsprechend sei geplant die Infrastruktur aus der Fabrik im Marchfeld künftig andernorts zu nutzen. Ein Verkauf der Fabrik sei ausgeschlossen. Begründet wurde das gegenüber der APA so: „Jeder potenzielle neue Eigentümer stünde vor denselben grundlegenden Herausforderungen, darunter die Notwendigkeit, den Standort mit erheblichem Kostenaufwand zu modernisieren. Wir glauben nicht, dass ein neuer Eigentümer das Werk angesichts dieser Herausforderungen realistisch gesehen wieder in die Gewinnzone führen könnte.“
Zwei Interessenten
Optimistischer scheinen hier potenzielle Investoren zu sein. So hat etwa der efko-Geschäftsführer Thomas Krahofer gegenüber „Der Standard“ bestätigt, an einer „Lösung“ mitarbeiten zu wollen. „Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen“, wird der Chef des Eferdinger Sauergemüseherstellers dort zitiert. Auch der zweite – deutlich kleinere – Tiefkühlgemüsehersteller in Groß Enzersdorf, Schneider‘s Gemüseland, hatte zuvor medial Interesse an einer künftigen Kooperation mit den Ardo-Zulieferern bekundet.
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