Nutria auf dem Vormarsch: Wie invasive Nager Deiche, Felder und den Hochwasserschutz bedrohen

Was vielerorts noch als putziges Wassernagetier wahrgenommen wird, ist längst zu einem ernsthaften Problem geworden. Besonders in Deutschland zeigt sich, welche Folgen die unkontrollierte Ausbreitung der Nutria haben kann.

Nutria im Wasser

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Die Nutria, auch Biberratte genannt, stammt ursprünglich aus Südamerika und wurde im vergangenen Jahrhundert zur Pelzzucht nach Europa gebracht. Heute zählt sie hier zu den invasiven Arten und breitet sich insbesondere in Norddeutschland rasant aus. Kaum irgendwo wird die Problematik so deutlich wie im deutschen Bundesland Bremen.

Nach Angaben der Landesjägerschaft Bremen werden mittlerweile in 93 Prozent der Jagdreviere Nutria-Vorkommen gemeldet. Milde Winter und ein nahezu unbegrenztes Nahrungsangebot sorgen dafür, dass sich die Tiere explosionsartig vermehren. Weibchen bringen mehrmals pro Jahr Nachwuchs zur Welt, wodurch die Populationen innerhalb weniger Jahre stark anwachsen können.

Gefahr für Deiche und Entwässerung

Besonders kritisch sind die Schäden, die Nutrias an wasserbaulichen Anlagen verursachen. Die Tiere graben weit verzweigte Bausysteme in Deiche, Böschungen und Grabenränder. Im Bremer Blockland wurden bereits zahlreiche Nutriabaue direkt in Deichanlagen entdeckt. Pro Bau entfernen die Tiere bis zu einem Kubikmeter Erdmaterial. Zurück bleiben instabile Hohlräume, die im Ernstfall einen Deichbruch begünstigen können.

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Als Baue dienen selbstgegrabene Erdbaue im Uferbereich oder „Nester“ aus langblättrigen Pflanzen (Schilf) und dünneren Stöcken, deren Eingänge im Gegensatz zum Bisam und zum Biber oberhalb der Wasserlinie liegen.

Für Bremen ist das keine Bagatelle: Rund 85 Prozent der Landesfläche liegen unterhalb der Hochwasserlinie. Intakte Deiche und funktionierende Entwässerungssysteme sind daher von existenzieller Bedeutung. Werden Gräben und Uferbereiche durch Nutrias unterhöhlt, kann Regenwasser bei Starkniederschlägen nicht mehr ausreichend abgeleitet werden. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse gewinnt diese Problematik zusätzlich an Brisanz. Marcus Henke, Präsident der Landesjägerschaft Bremen, betont bei einem Biodiversität-Event von Pannatura, den Ernst der Lage: „Überall wo bei uns Nutria vorkommen, verändert sich das Ökosystem rasant. Bei Rote-Liste-Arten, wie Rohrkolben, Schwanenblume oder Sumpfschwertlilie verzeichnen wir ein massives Verschwinden.“

Wenn die Landwirtschaft die Rechnung bezahlt

Die Schäden treffen auch die Landwirtschaft unmittelbar. Nutrias zerstören Schilfgürtel und Ufervegetation, unterhöhlen Weideflächen und beeinträchtigen Entwässerungsgräben, die für die Bewirtschaftung vieler Flächen essenziell sind. Besonders in Regionen mit Grünlandwirtschaft können instabile Ufer und abgesackte Bereiche zum Sicherheitsrisiko für Maschinen und Weidetiere werden.

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Aufgrund eines unterirdischen Nutriabaus unmittelbar neben einem Graben gab der Boden unter einem Kipper nach, wodurch das Fahrzeug umstürzte.

Hinzu kommt der hohe finanzielle Aufwand: Beschädigte Deiche und Böschungen müssen mit schwerem Gerät instandgesetzt werden. Nach Reparaturen dauert es oft Monate, bis sich eine schützende Vegetationsschicht wieder vollständig ausgebildet hat. Die Kosten tragen letztlich Wasserverbände und öffentliche Stellen und damit indirekt auch die Allgemeinheit.

Intensive Bejagung als einzige Lösung?

In Bremen setzt man mittlerweile auf eine konsequente Bejagung. Erfahrungen der Jägerschaft zeigen, dass Fallen allein häufig nicht ausreichen. Die überwiegend nachtaktiven Tiere reagieren äußerst anpassungsfähig und verlagern ihre Aktivitäten in Zeiten, in denen sie weniger gestört werden. Daher fordern Jagdverbände seit Jahren zusätzliche Möglichkeiten zur effektiven Regulierung der Bestände und eine höhere Aufwandsentschädigung für die Entnahme. Somit zeigt der Bremer Fall deutlich, wenn die Ausbreitung invasiver Arten über Jahre unterschätzt wird, entstehen langfristige Probleme, deren Bewältigung hohe Kosten verursacht.

Österreich: Frühzeitig gegensteuern

Auch in Österreich breitet sich die Nutria zunehmend aus. Sichtungen gibt es vor allem im Burgenland, in Niederösterreich und in der Steiermark. Während die Bestände noch deutlich kleiner sind als in Deutschland, haben sich in einzelnen Regionen bereits reproduzierende Populationen etabliert. Allein in der Steiermark werden jährlich rund 600 bis 800 Tiere erlegt.

Noch besteht in Österreich die Chance, durch koordiniertes Handeln und gemeinsames Verständnis von Grundeigentümern, Naturschutz, Jagd und Politik eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland abzuwenden.

Marcus Henke

Präsident der Landesjägerschaft Bremen

Auf den Flächen von Esterhazy im Burgenland wurden 2024 noch 28 Nutrias entnommen und mittlerweile seien es bereits 290 Stück, so David Simon, Jagdleiter von Pannatura. „Noch besteht in Österreich die Chance, durch koordiniertes Handeln und gemeinsames Verständnis von Grundeigentümern, Naturschutz, Jagd und Politik eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland abzuwenden“, betont Marcus Henke. Wie stark sich die invasive Art tatsächlich ausgebreitet hat, ist jedoch unklar. In vielen Bundesländern fehlen einheitliche Erfassungen und öffentlich zugängliche Jagdstatistiken. Während Niederösterreich und das Burgenland die Bejagung der Nutria empfehlen (dort werden Nutria jagdrechtlich als Raubzeug behandelt), werden konkrete Abschusszahlen vielfach nicht erhoben. Aus Sicht von David Simon, erschweren zudem fehlende finanzielle Anreize die Bestandsregulierung: Kosten für Munition, Treibstoff und Entsorgung müssen selbst getragen werden. Daher werden Aufwandsentschädigungen pro erlegtem Tier sowie Anpassungen im Jagdrecht gefordert, um einer Entwicklung wie im deutschen Bremen frühzeitig entgegenzuwirken.

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Die Nutria erreicht eine Körperlänge von bis zu 65 cm und wiegt erwachsen 8–10 kg. Ihr runder, schuppenbedeckter, kaum behaarter Schwanz hat eine Länge von etwa 30–45 cm. Die Tiere sind somit kleiner als adulte Biber.

In Oberösterreich besteht seit 2024 die Verpflichtung, jede erlegte Nutria dem Landesjagdverband zu melden. Eine Auswertung dieser Meldungen liegt bislang allerdings nicht vor. Nach Angabe von Gabriel Staubmann ist Salzburg zudem das einzige Bundesland, in dem die Nutria ausdrücklich im Jagdgesetz verankert ist. Aber auch hier sind jedoch keine Bestands- oder Abschusszahlen bekannt. Ähnlich stellt sich die Situation in Kärnten, Tirol, Vorarlberg und Wien dar: Obwohl vereinzelt Sichtungen gemeldet werden, fehlt es an belastbaren Daten. Wie stark sich die invasive Art in Österreich tatsächlich bereits ausgebreitet hat, lässt sich daher derzeit nur schwer abschätzen.

Ein Blick in die Zukunft

Die Nutria ist kein harmloser Neuankömmling am Gewässerrand. Wo sich die Tiere etablieren, geraten Landwirtschaft, Hochwasserschutz und Infrastruktur zunehmend unter Druck. Deutschland liefert bereits heute ein Beispiel dafür, wie schnell aus einzelnen Sichtungen ein flächendeckendes Problem werden kann.

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