Elisabeth Seeba führt den Großbetrieb TOV Korystivske im Nordwesten der Ukraine. Der Ackerbaubetrieb bewirtschaftet 1.630 Hektar und steht im Eigentum von drei Deutschen, einer davon ist Seebas Vater. Die Flächen selbst sind gepachtet, einen Kauf lässt die ukrainische Gesetzeslage nicht zu. Angebaut werden Raps, Wintergerste, Weizen und Soja. Heuer wurden im Schnitt 8,4 Tonnen je Hektar in der Gerste und 6,8 bis 8,4 Tonnen im Weizen gedroschen.
Frau Seeba, Sie waren zuletzt im Juni auf Ihrem Betrieb. Wie dicht ist der Krieg inzwischen an Ihr Dorf herangerückt?
Seeba: Die Front ist immer noch mehr als 600 Kilometer entfernt. Im Dorf bemerkt man den Krieg vor allem durch die vielen Gräber der gefallenen Soldaten. Es fehlen Arbeitskräfte, zum Beispiel Spezialisten in den Werkstätten.
Wurden Ihre Mitarbeiter eingezogen?
Zum Glück konnten wir bis jetzt alle Mitarbeiter halten. Im letzten Jahr galt die Landwirtschaft als systemrelevant und unsere Mitarbeiter waren vom Kriegsdienst befreit. Die Gesetze ändern sich aber ständig.
Sie leiten den Betrieb von Deutschland aus. Wie funktioniert das rein praktisch?
Das funktioniert nur, weil ich mich auf unsere Leute vor Ort, besonders unseren Verwalter, zu 100 Prozent verlassen kann. Wir telefonieren in der Saison fast täglich und sind ständig über WhatsApp in Kontakt. Dabei geht es meistens um den Ackerbau: was wo auf dem Feld passiert. Wir besprechen den Verkauf unserer Ware und auch den Einkauf von Dünger, Pflanzenschutzmitteln und größere Reparaturen oder Anschaffungen. Ich versuche immer genau Bescheid zu wissen, um dann mitzudenken. Dabei helfen IT-Anwendungen: Das GPS-System, mit dem ich sehen kann, wo die Maschinen gerade sind, eine Tabelle, welche die Wiegungen in Echtzeit während der Ernte zeigt, Kameras am Hof, SMS bei jeder Kontobewegung und die WhatsApp-Gruppe mit unseren Fahrern. Die Spritzpläne erstelle ich online, genauso unsere Ackerschlagkartei.
Der Markt mit Agrargütern ist komplett zum Erliegen gekommen.
Elisabeth Seeba
War die Dürre heuer auch in der Ukraine spürbar?
Wir hatten das trockenste Frühjahr aller Zeiten. Bis zu Beginn der Ernte hatten wir gerade einmal 100 Millimeter Regen. Ich bin sehr überrascht über die trotzdem gute Ernte, da zeigt sich mal wieder, wie unglaublich gut die Schwarzerdeböden sind.
Wie verkaufen Sie Ihre Ernte?
Die Gerste haben wir schon komplett verkauft. Den Raps verkaufen wir normalerweise teilweise an ukrainische Landhändler und teilweise exportieren wir selbst. Das entscheiden wir je nach Situation. Wir können 3.000 Tonnen Weizen selbst einlagern, den Rest verkaufen wir direkt oder lagern ihn extern ein.
Wie läuft so ein Export in die EU ab, bei Raps etwa?
Ein Fuhrunternehmen liefert den Raps per Lkw an unseren Landhändler, der für uns auch als Dienstleister tätig ist und einen eigenen Gleisanschluss hat. Dort wird der Raps auf Waggons verladen, später in Odessa auf die Frachtschiffe und geht dann zum Beispiel nach Rostock in die Ölmühle. Das Be- und Entladen und der Transport werden uns in Rechnung gestellt. Das Geld für den Raps bekommen wir erst nach der Qualitätskontrolle vor der Beladung des Schiffs oder auch erst in der Ölmühle. Einer unserer Mitarbeiter wickelt die Verzollung ab. Es gibt also wesentlich mehr bürokratische Arbeit und Punkte, an denen etwas schiefgehen kann. Zum Beispiel gibt es immer mal wieder sogenannte „Verluste“ bei der Beladung. Vorteil ist, dass wir das Geld aus der EU in Dollar bekommen, was zur Zeit ja auf jeden Fall die stabilere Währung ist.
Neuerdings werden im Schwarzen Meer wieder Getreideschiffe durch die Russen beschossen. Was ändert das an Ihren Verkaufsplänen?
89 Prozent der Agrarexporte laufen über Odessa. Seit dem 22. Juli hat kein neues Schiff mehr die Häfen von Odessa angelaufen. Das Getreide muss nun also über die Schiene oder Straßen das Land verlassen. Das ist wesentlich teurer und verlangsamt alles. Angegriffen werden nämlich auch die Landwege. Wir versuchen den Verkauf hinauszuzögern. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Der Markt ist komplett zum Erliegen gekommen.
Wie sieht es mit Betriebsmitteln aus?
Es ist alles ohne Probleme in der nächsten Stadt verfügbar. Aber die hohen Dieselpreise machen uns natürlich auch zu schaffen. Seit 2024 wird als Angleichung an die EU eine Energiesteuer erhoben.
Durch die Beitrittsgespräche mit der EU werden die ukrainischen Landwirte mit den EU-Regelungen im Bereich Pflanzenschutzmittel konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?
Wenn wir unsere Ware exportieren wollen, dürfen wir keine Pflanzenschutzmittel verwenden, die in der EU nicht zugelassen sind. Sollte eine Probe Rückstände eines Mittels zeigen, dass nicht zugelassen ist, wird der Raps nicht angenommen. So ergibt es sich automatisch, dass wir uns beim Raps an die Vorgaben der EU halten müssen.
Planen Sie in diesem Jahr Investitionen?
So wie die Aussichten sind, sind Investitionen im kommenden Jahr nicht drin. Wahrscheinlich werden wir einen Kredit aufnehmen müssen. Wir hoffen auf staatliche Unterstützung.
Aktuelle Preise
Diese Preise erlösen⁄zahlen ukrainische Landwirte derzeit. Umgerechnet von Griwna in Euro (netto), Stand Juli:
Raps: 379 Euro⁄t
Mahlweizen: 126,47 Euro⁄t
Diesel: 1,85 Euro⁄l
Pacht: 185 Euro⁄ha inkl.
Lohn: 4,86 Euro⁄Stunde für Traktoristen in Festanstellung
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