Luis Walcher: "Südtirol und Österreich ist gemeinsam sehr stark"

Österreich und Südtirol verbindet vieles, vor allem in der Landwirtschaft wird das deutlich. Im Interview spricht Landesrat Luis Walcher über die Herausforderungen, gemeinsame Stärken und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.

Luis Walcher im Gespräch

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BauernZeitung: Herr Landesrat, was verbindet Südtirol und Österreich in der Landwirtschaft und wo sehen Sie das größte Potenzial für Zusammenarbeit?

WALCHER: Wir arbeiten schon heute eng zusammen, mit dem Landwirtschaftsministerium ebenso wie mit einzelnen Bundesländern, allen voran Tirol. Im Zentrum stehen Fragen des ländlichen Raums: Arbeitsplätze, Wertschöpfung auf den Höfen, lebendige Dörfer. Ein wichtiges gemeinsames Thema ist die Kulturlandschaftspflege, die bei uns nach wie vor von den Bäuerinnen und Bauern selbst geleistet wird, anders als in vielen anderen Regionen Europas, wo das Landschaftspfleger übernehmen. Intensiv tauschen wir uns auch bei Vieh- und Milchwirtschaft aus, etwa weil grenznahe Nordtiroler Betriebe an den Milchhof Sterzing geliefert wird, sowie beim Großraubwildmanagement: Beim Wolf wollen wir gemeinsam mit Tirol und dem Trentino eine abgestimmte Strategie.

Braucht es künftig noch mehr gemeinsame agrarpolitische Positionen, etwa mit Blick auf die GAP?

Ja, definitiv. Südtirol ist als kleine Region in Brüssel nur schlagkräftig, wenn wir uns mit gleichgesinnten Partnern zusammenschließen. Die Probleme der Berglandwirtschaft, beispielsweise Steillagen oder viel Handarbeit, betreffen nur wenige Regionen Europas, während wir gleichzeitig mit Großbetrieben im Flachland konkurrieren. Gemeinsam mit Österreich haben wir da einfach mehr Gewicht.

Die Probleme der Berglandwirtschaft betreffen nur wenige Regionen Europas. Gemeinsam mit Österreich haben wir da einfach mehr Gewicht.

Luis Walcher

Welche Schwerpunkte sollte die nächste GAP setzen?

Drei Punkte sind mir wichtig: erstens eine starke Förderung des Genossenschaftswesens, weil kleinstrukturierte Betriebe nur gemeinsam am internationalen Markt bestehen können. Zweitens gezielte Investitionsförderung für Betriebe, die aktiv weiterentwickeln. Und drittens der Ausgleich von Standortnachteilen. Dabei möchten wir gezielt abgelegene Bergbauernhöfe mit einer geförderten Milchabholung unterstützen. Nur mit einem solchen Ausgleich bleiben auch entlegene Betriebe standhaft und damit unsere Dörfer lebendig.

Wie steht es um die Herkunftskennzeichnung, ein in Österreich viel diskutiertes Thema?

Eine verpflichtende Kennzeichnung gibt es bei uns noch nicht, aktuell muss nur zwischen EU- und Nicht-EU-Ware unterschieden werden. Trotzdem kennzeichnen bereits viele Gastbetriebe und Metzgereien freiwillig die Herkunft, weil die Nachfrage danach spürbar wächst. Wir fördern deshalb seit heuer verstärkt die regionale Aufzucht auf den Almen und auch unser Nachhaltigkeitslabel im Tourismus berücksichtigt künftig stärker regionale Kreisläufe. Aber grundsätzlich befürworte ich eine einheitliche Herkunftskennzeichnung, um die Qualität der heimischen Betriebe hervorzuheben.

Wie wirtschaftlich tragfähig ist die kleinstrukturierte Landwirtschaft in Südtirol heute?

Die Herausforderungen sind groß, denn Betriebsmittel und Maschinen werden teurer, Pflanzenschutzmittel weniger, viele Betriebe bewirtschaften deshalb zusätzliche Flächen. Entscheidend ist am Ende aber der Erzeugerpreis, nicht die Förderung. Die guten Milchpreise des vergangenen Jahres in Südtirol (durchschnittlich 0,70 - 0,80 Euro/Liter) haben sogar dazu geführt, dass Höfe wieder in die Milchproduktion eingestiegen sind, die das jahrzehntelang nicht mehr getan hatten. Auch der Obstbau läuft gut, die Flächen konnten gehalten werden. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit der heimischen Standortagentur neue Märkte zu erschließen, denn stimmen die Preise, investieren die Menschen wieder in ihre Höfe.

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Luis Walcher (SVP) ist seit 2024 Landesrat für Land-und Forstwirtschaft sowie Tourismus.

Klimawandel, hohe Produktionskosten, steigende gesellschaftliche Erwartungen: Was beschäftigt Südtirols Bäuerinnen und Bauern derzeit am meisten?

Extremwetter nimmt zu, die sichere Wasserversorgung wird immer wichtiger. Gerade in trockenen Jahren zeigt sich, wie entscheidend eine funktionierende Bewässerungsinfrastruktur ist. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche Anspruch: hochwertige Lebensmittel, Landschaftspflege, Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg und das alles gleichzeitig. Diese Leistungen, die weit über die Lebensmittelproduktion hinausgehen, müssen politisch anerkannt bleiben. Eine große Chance sehe ich im Zusammenspiel mit dem Tourismus, das wir noch enger verknüpfen sollten.

Südtirol gilt als Vorzeigeregion bei Genossenschaften. Was können österreichische Betriebe, etwa im Obstbau, davon abschauen?

Den einen richtigen Weg gibt es nicht, die Voraussetzungen sind von Region zu Region unterschiedlich. Bei uns bilden Genossenschaften seit Jahrzehnten das Rückgrat der Vermarktung. Sie übernehmen Lagerung, Sortierung, Qualitätssicherung und Markterschließung, wovon gerade kleine Betriebe profitieren. Das heißt aber nicht, dass Direktvermarktung kein Zukunftsmodell wäre, denn wer erfolgreich einen direkten Kundenzugang aufbaut, hat ebenfalls gute Chancen. Entscheidend ist letztlich, dass sich Betriebe zusammenschließen, ob als klassische Genossenschaft oder in anderer Kooperationsform.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen der Landwirtschaft in Südtirol und Österreich, und was kann man voneinander lernen?

Uns verbindet deutlich mehr, als uns trennt: beide Seiten sind von kleinstrukturierten Familienbetrieben geprägt, die weit mehr leisten als reine Lebensmittelproduktion. Österreich hat große Erfahrung in der Berglandwirtschaft und im Ackerbau, wir wiederum können bei Vermarktung, Genossenschaftsstrukturen und der Verbindung von Landwirtschaft und Tourismus einiges beitragen. Die Herausforderungen ähneln sich zunehmend, umso wichtiger ist es, gemeinsame Positionen zu entwickeln und gegenüber Brüssel geschlossen aufzutreten.

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern die Landwirtschaft. Wie blicken Sie auf die Zukunft des Berufsstandes?

Neue Technologien bieten große Chancen, etwa bei Bewässerung, Pflanzenschutz oder Betriebsdatenauswertung und können gerade angesichts des Fachkräftemangels wertvolle Arbeitszeit sparen. Ersetzen kann Technik den Menschen aber nicht: Landwirtschaft lebt von Erfahrung, Hausverstand und dem Gespür für Tiere, Kulturen und Flächen. Das sind Entscheidungen, die kein Computer vollständig übernehmen wird. Technik soll unterstützen, nicht ersetzen.

Trotz aller Herausforderungen wirken Sie optimistisch. Woher kommt dieser Optimismus?

Ich sehe täglich, mit welchem Engagement unsere Bäuerinnen und Bauern investieren, modernisieren und neue Einkommensquellen erschließen - das zeigt Zukunftsglauben und Verantwortungsbewusstsein für die nächste Generation. Mut machen mir auch die stabilen Schülerzahlen an den landwirtschaftlichen Schulen: Junge Menschen entscheiden sich weiterhin bewusst für diesen Weg. Wenn es gelingt, faire Rahmenbedingungen zu schaffen, hat unsere kleinstrukturierte Landwirtschaft auch künftig eine Zukunft.

Zur Person:

Luis Walcher (52) ist seit 2024 Landesrat für Land- und Forstwirtschaft sowie Tourismus im Südtiroler Landtag. Er ist Teil der Südtiroler Volkspartei (SVP) und betreibt nebenbei einen Obst- und Weinbaubetrieb in Bozen-Gries.

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