Ein guter Wald bietet keine ordentliche Weide – und eine gute Weide bringt keinen gescheiten Baum hervor. Diese Argumentation ist es, die die Verantwortlichen des Schwarzwassertals im Bezirk Reutte dazu veranlasste, eine Wald-Weide-Trennung umzusetzen. Gemeinsam mit den Bundesforsten und mit Unterstützung des Landes Tirol und vieler freiwilliger Helfer wurde das Projekt 2023 gestartet, heuer konnte das Vieh erstmals die neu geschaffene reine Weidefläche nutzen.
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"Hoarehårte“ Hirten
Von 900 bis über 2.000 Meter Seehöhe – von der Stuiben-Hütte bis hinauf zu den Weiden um die Kastenalm – reicht das Almgebiet im Schwarzwassertal. Zuständig ist die Agrargemeinschaft fünförtliche Pfarrgemeinde Wängle mit Obmann Franz Gundolf. Platz für das Vieh gibt es im Schwarzwassertal genug: Das Almgebiet umfasst über 1.500 Hektar Bruttofläche, davon sind 654 Hektar Weidefläche. Durch die verschiedenen Höhenlagen und Weidegebiete ist eine lange Alpung von Anfang Mai bis Ende September möglich. 230 Stück Jungvieh und 370 Schafe beweiden das Schwarzwassertal. Bis Mai 2023 wurden noch über 700 Schafe aufgetrieben. Damals kam es leider zu einem Bärenangriff, dem über 30 Schafe zum Opfer fielen. Nach diesem Vorfall wurde die Beweidung umstrukturiert und die Schafanzahl musste halbiert werden.
Zwei Hirten ermöglichen den Almsommer im weitläufigen Gebiet: Carmen Reider aus Osttirol kümmert sich in ihrem 13. Almsommer um die Schafe auf der Oberlichtalm. Gerhard Strele hütet das Jungvieh auf der Kastenalm seit vielen Jahren. Besonders das Gebiet „im Kasten“ ist anspruchsvoll und hat oft mit schwierigen Wetterbedingungen zu kämpfen. „Da kann man natürlich nicht einfach irgendwelche Hirten hinaufschicken, da braucht es Leute, die ‚hoarehårt‘ sind, also hart im Nehmen“, lobt Franz Gundolf die Hirten.
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Gerhard Strele ist langjähriger Hirte im Schwarzwassertal.
Über 2.000 freiwillige Arbeitsstunden
Hart im Nehmen müssen aber auch die freiwilligen Helfer sein, mit deren Hilfe die Wald Weide-Trennung umgesetzt wird. Mehr als 2.000 freiwillige Arbeitsstunden haben die Helfer bisher in das Projekt investiert. Agrargemeinschaftsobmann Franz Gundolf erklärt: „Gemeinsam mit den Bundesforsten haben wir das Projekt zur Wald-Weide-Trennung umgesetzt. Dafür wurden 600 Hektar Waldweide freigestellt und die Bundesforste haben 40 Hektar Eigenfläche für die reine Weide zur Verfügung gestellt. Diese wurde mit sehr viel Mühe gerodet, außerdem wurden drei Kilometer Zaun errichtet, eine neue Quelle gefasst und die Wasserversorgung über 1,5 Kilometer gelegt.“
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Nur durch viele freiwillige Helfer lässt sich die Arbeit bewerkstelligen. V. l.: Erich Sprenger (ehemaliger Waldaufseher), Franz Gundolf (Obmann Agrargemeinschaft Fünförtliche Pfarrgemeinde), Andreas Brandl (Almmeister), Eugen Barbist (Vorstandsmitglied Schafzuchtverein), Joachim Wagner (Waldaufseher).
Die Trennung ist für Wald und Weide nicht verkehrt, erklärt Waldaufseher Joachim Wagner: „Das Vieh verursacht im Wald Tritt- und Verbissschäden. Gerade jetzt, wo Waldbesitzer dem Klimawandel entgegenwirken wollen und einen Mischwald anstreben, bietet die Wald-Weide Trennung bessere Voraussetzungen für einen stabilen Wald.“ Und auch die Hirten würden von der Eingrenzung des Weidegebiets profitieren, erklärt Franz Gundolf. Für das Vieh selbst sei der Almsommer ebenso wichtig, betonen Andreas Brandl, der als Almmeister vor allem für die Rinder zuständig ist, und Eugen Barbist, auftreibender Schafbauer und Vorstandsmitglied des Schafzuchtverbandes für den Bezirk Reutte: „Das Vieh braucht den Berg für seine Entwicklung, für die Gesundheit und Fitness. Das alles können die Flächen im Schwarzwassertal bieten.“ Dies bedeute auch für die Bauern aus der Region der Agrargemeinschaft, die sich aus den fünf Gemeinden Vorderhornbach, Weißenbach, Höfen, Wängle und Lechaschau zusammensetzt, eine große Entlastung.
Erinnerungen an Ferdl Singer
Während der Arbeiten im Jahr 2025 traf die Gemeinschaft ein schwerer Verlust. Der bis dahin seit Jahrzehnten verantwortliche Almmeister und Initiator der Wald-Weide-Trennung, Ferdl Singer, verstarb während der Arbeiten auf der Alm. Sein Nachfolger ist Andreas Brandl, der ihn seit seiner frühen Kindheit kannte: „Das war für uns alle ein großer Schock. Ferdl hat für das Schwarzwassertal gelebt und war immer dabei, wenn angepackt wurde. Wenn man an das Tal denkt, denkt man an ihn – wäre er wohl zufrieden oder würde er mit uns schimpfen? Er hat überall seine Spuren hinterlassen.“ An Brandls Seite führt Wilko Stelzhammer, Ferdl Singers Schwiegersohn, als stellvertretender Almmeister dessen Arbeit weiter.
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Hirtin Carmen Reider mit dem verstorbenen Almmeister Ferdl Singer.
Die Arbeit geht nicht aus
Ferdl Singers Einsatz für die Schwarzwasseralm wirkt bis heute weiter – auch im Projekt zur Wald-Weide-Trennung. Franz Gundolf zieht Bilanz: „Ganz fertig sind wir noch nicht, aber das System hat sich schon bewährt und bedeutet vor allem für den Hirten eine deutliche Arbeitserleichterung. In Summe ist es für uns eine sehr positive Sache.“
Obwohl das Ziel des Projektes in greifbarer Nähe liegt, geht die Arbeit im Schwarzwassertal nicht aus. Sieben Almhütten müssen instandgehalten werden, die Hirten unterstützt und die Flächen gepflegt werden. Spricht man mit den vielen freiwilligen und verantwortlichen Helfern, wird deutlich, wie selbstverständlich für viele das Anpacken und Miteinander dazugehört. Und so hinterlassen auch sie ihre Spuren im weitläufigen Schwarzwassertal.
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Der Großteil des Jungviehs verbringt den Almsommer auf der Kastenalm.
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