Schwarz-Weiß-Gemälde eines schlafenden Hirten zwischen Felsen, umgeben von einer Schafherde in bergiger Landschaft.

Copyright © Bildarchiv Georg Jäger

Eisige Stille über dem Tal

Almgeschichte – Folge 9: Mord, Unglücke und tödliche Gefahren: Hinter der vermeintlichen Idylle des früheren Almlebens verbergen sich Geschichten, die auch heute noch Stoff für True Crime bieten. Georg Jäger hat sie in seinem neuen Buch „Mord und Tod auf der Alm“ zusammengetragen.

Das sanfte Klingeln der Kuhglocken, die Ruhe hoch über dem Tal, grüne Weiden und schroffe Bergspitzen – solche Bilder verbindet man meist mit der beschaulichen Vorstellung vom Almleben. Mit den weniger idyllischen Seiten, die das Almleben vor allem in früheren Zeiten unweigerlich mit sich brachte, hat sich Georg Jäger in seinem neuen Werk „Mord und Tod auf der Alm – Eisige Stille über dem Tal“ auseinandergesetzt. Neben den Gefahrenmomenten wie unvorhergesehenen Wetterereignissen, Unglücksfällen und leichtsinnigem Edelweißklauben der jüngeren Generation behandelt Jäger in seinem Werk aber auch Kriminalfälle mit anhängigen Gerichtsprozessen, wie etwa eine Auftragsmöderin in Gestalt einer raffinierten Sennerin.

Auftragsmord auf der Ochsner Alm

Eine menschliche Tragödie ereignete sich am 27. Juli 1936 auf der Ochsner Hütte in Oberkärnten, in der Nähe von Ankogel und Plessnitzsee. Darüber berichtet die „Illustrierte Kronen Zeitung“ 31. Juli 1936 unter dem Titel „Morddrama von der Ochsner-Alm“ in allen düsteren Farben: „Der grauenhafte Mord auf der Ochsner-Alm bei Mallnitz, dem in der Nacht zum vorigen Montag (27. Juli) der 40-jährige Senner Josef Fercher zum Opfer fiel, hat nunmehr seine vollständige Aufklärung gefunden. Bekanntlich hat die Gattin des Ermordeten, die 44-jährige Bäuerin Maria Fercher, einen ihrer sechs Geliebten, den 34-jährigen Keuschlersohn Peter Weixelbraun gedungen, damit er ihren Mann beseitige. Der völlig im Bann der männersüchtigen Bäuerin stehende Bursche ermordete zusammen mit dem 31-jährigen Holzarbeiter Sepp Pacher den Senner in dessen Hütte und zündete die mit Benzin übergossene Leiche an, um, wie er meinte, alle Spuren zu verwischen.“

Die Mörder erschossen Josef Fercher, zerstückelten den Körper des Opfers, übergossen die Leichenteile mit Benzin, setzten sie in Brand und erschossen ebenso den Hund des Ehepaars, der seinen Herrn verteidigen wollte.

Copyright © Bildarchiv Georg Jäger

„Alleweil fidel“ auf der Alm, 1920er-Jahre. So wird gerne das lustige Leben von verträumten Liebespaaren in luftigen Höhen dargestellt. Dieses Klischeebild entsprach oft nicht der Wirklichkeit und Eifersuchtsszenen standen auch in der Vergangenheit auf der Tagesordnung.

„Welch abgrundtiefe Schlechtigkeit und beispiellose Roheit die Gattin des auf so fürchterliche Weise ums Leben gekommenen Senners mitbrachte, ergibt sich aus der Tatsache, daß sie zur Stunde, in der ihr Mann unter den Hieben seiner Mörder verröchelte, einen 17-jährigen Burschen bei sich hatte, der zu dem Kreis ihrer Liebhaber zählte. Beim Begräbnis, das sie noch auf freiem Fuß mitmachte, erklärte sie einigen Bekannten gegenüber: ‚Jetzt ist das Manderl a’ hin …!‘ Die Geständnisse Weixelbrauns und Pachers haben nunmehr den Anteil, den das vertierte Weib an dem Mord hatte, völlig klargestellt und das ‚Morddrama von der Ochsner-Alm‘ in allen Einzelheiten geklärt.“, führt der Bericht weiter aus. Im Zuge der Gerichtsverhandlung vor dem Grazer Gericht wurden alle drei der ihnen angelasteten Verbrechen für schuldig erkannt und zum Tod durch den Strang verurteilt. Der Bundespräsident wandelte das Todesurteil über Josef Pacher in 20-jährigen schweren Kerker und das Todesurteil über Maria Fercher in lebenslangen schweren Kerker mit Absperrung an jedem 20. Juli um. Für Peter Weixelbraun wurde kein Gnadenantrag gestellt, an ihm wurde das Todesurteil vollstreckt.

Eine gefährliche Arbeit

Stellt nun ein solcher Auftragsmord sicher einen Extremfall dar, so gehörten die Gefahren, durch die zahlreiche Bauernsöhne und Hirtenbuben ihr Leben verloren, früher zum Alltag. Abstürze, plötzliche Kälteeinbrüche, Blitzschläge und Stierattacken waren Bedrohungen, die allzu oft tödliche Konsequenzen nach sich zogen und auch heute noch nicht zu unterschätzen sind. Verunglückten Viehhirten bei der Arbeit widmet Georg Jäger das umfangsreichste Kapitel seines Werkes.

Copyright © Bildarchiv Georg Jäger

Ziegenhirten auf der Alpe in steiler Felsenhöhe, um 1900. Korrespondenzkarte.

Etwas weniger augenscheinlich, aber immerhin in derart beachtlicher Frequenz aufgetreten, um ihnen ein eigenes Kapitel zu widmen sind jene Fälle, bei denen vor allem junge Männer beim Edelweißsuchen abstürzten. Bekannterweise wächst die seltene Pflanze nur in ungünstigem, schwer erreichbarem Gelände. Der hiesigen Frauenwelt galten die begehrten Edelweißsterne als Liebesbeweis. Eine höchst ungünstige Kombination, die gepaart mit unzureichender Ausrüstung zu vielen Todesfällen im Rahmen tollkühner Unternehmungen führte.

Copyright © Stiftsarchiv Fiecht, Grafiksammlung

„Edelweiß“ mit Edelweißklauber. Nach einem Gemälde von K. Wagner aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Obwohl sich die Rahmenbedingungen durch moderne Technik sicher verbessert haben, sollte das Leben am Berg trotzdem nie unterschätzt werden und Naturgefahren ist auch heute noch mit dem angemessenen Respekt zu begegnen. Georg Jäger ruft mit seinem Werk aber auch in Erinnerung, dass wir heute von den Leistungen all jener profitieren, die das harsche Almleben führten und dieses teilweise mit dem Leben bezahlen mussten.

Buchangaben

  • Autor: Georg Jäger

  • Titel: Mord und Tod auf der Alm; Eisige Stille über dem Tal; Almdramen und Unglücksfälle zwischen 1800 und 1950; Mit einem Blick über die Tiroler Landesgrenze

  • Innsbruck 2026: Eigenverlag; ISBN: 978-3-200-11096-0; 364 Seiten; Preis: 27,50 Euro

  • Erhältlich bei: Tyrolia (Maria-Theresien-Straße), Studia (Innrain, Universität), Liber Wiederin (Erlerstraße), Steinbauer (Völs, Cyta), Riepenhauser (Schwaz, Stadtgalerien).

Copyright © Karin Jäger

Georg Jäger mit seinem neuen Buch „Mord und Tod auf der Alm“.

Über den Autor

Georg Jäger, geboren 1963 in Innsbruck, entstammt einer kleinbäuerlichen Familie aus dem Sellraintal und interessierte sich schon immer für die Arbeit der Bergbauern und Kleinhäusler sowie für das Leben der ländlichen Unterschichten. Georg Jäger studierte Geografie und Geschichte an der Universität Innsbruck (1985 Sponsion, 1989 Promotion, 2004 Habilitation). Seit 1994 arbeitet er hauptberuflich als Bibliothekar an der Universität Innsbruck.

Weitere Artikel