So früh war die Reife im österreichischen Weinbau selten – gleichzeitig dürften die Winzer heuer so wenig Trauben ernten wie seit Langem nicht. Hitze und historische Trockenheit haben die Beeren vielerorts klein gehalten. Doch ausgerechnet darin liegt auch eine Chance: Wo die Trauben gesund geblieben sind, können sie hohe Konzentrationen und viel Aroma entwickeln. Für Stefan Kast, den neuen Geschäftsführer des Österreichischen Weinbauverbandes, steht deshalb schon jetzt fest: Der Jahrgang 2026 verlangt vor allem eines: genaue Beobachtung und ein gutes Gespür für den richtigen Lesetermin.
Die bisherigen Reifemessungen bestätigen die außergewöhnliche Entwicklung. „Mit durchschnittlich rund 17 °KMW liegen wir Mitte August deutlich über dem langjährigen Mittel“, sagt Kast. Einzelne Sorten und Standorte sind bereits weit voraus. In Klosterneuburg wurden beim Grünen Veltliner knapp 20 °KMW gemessen, Chardonnay in St. Margarethen erreichte mehr als 19 °KMW. Gleichzeitig ist die Säure bereits deutlich zurückgegangen. Die physiologische Entwicklung schreitet damit ungewöhnlich rasch voran.
Kleine Beeren, große Unterschiede
Genau deshalb reicht heuer der Blick auf den Zuckergehalt nicht aus. „Der Lesetermin darf heuer nicht allein nach dem Zuckergehalt bestimmt werden“, betont Kast. Entscheidend sei das Zusammenspiel von Zuckerreife, Säure, pH-Wert, physiologischer Reife und Gesundheitszustand der Trauben. „2026 könnte ein Jahr sein, in dem einige Tage beim Lesetermin einen erheblichen Unterschied machen.“
Die frühe Reife trifft auf eine zweite Besonderheit dieses Jahrgangs: die außergewöhnliche Trockenheit. Zwar gab es in einzelnen Weinbaugebieten Niederschläge, insgesamt bleibt die Wasserbilanz jedoch deutlich negativ. Von einem historischen Niederschlagsdefizit ist die Rede. Besonders deutlich zeigen sich die Folgen in Junganlagen. Dort werden Notreife und teilweise bereits welke Beeren beobachtet.
„Die Weinrebe kann grundsätzlich relativ gut mit Trockenheit umgehen“, erklärt Kast. Problematisch werde es vor allem dann, wenn über längere Zeit hohe Temperaturen und Wassermangel zusammentreffen. Besonders gefährdet sind jüngere Anlagen, flachgründige oder sehr trockene Standorte sowie Weingärten, die bereits vorbelastet sind.
Nach den bisherigen Eindrücken rechnet Kast eher bei der Erntemenge mit deutlichen Auswirkungen als bei der Qualität. Trockenstress lässt die Beeren kleiner bleiben, wodurch weniger Saft zur Verfügung steht. Das bedeutet allerdings nicht automatisch schlechtere Trauben. „Gesunde, kleinere Beeren können durchaus sehr konzentrierte Inhaltsstoffe mitbringen“, sagt Kast.
Wie groß die Einbußen tatsächlich ausfallen, lässt sich derzeit noch nicht seriös beziffern. Die Unterschiede sind regional und teilweise sogar innerhalb einzelner Weinbaugebiete erheblich. Bodenart, Wasserspeichervermögen, Niederschlagsverteilung, Rebalter und Bewirtschaftung entscheiden darüber, wie gut ein Weingarten mit den Bedingungen zurechtkommt. Eine österreichweite Mengenprognose wäre daher zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht.
Qualität möglich, aber nicht selbstverständlich
Trotz der schwierigen Witterung sieht Kast für 2026 durchaus Potenzial. In vielen Gebieten sind die Trauben gesund, gleichzeitig ist die Reife weit fortgeschritten. Die trockene Witterung hat vielerorts auch den Krankheitsdruck gering gehalten. Damit sind die Voraussetzungen für reife, konzentrierte und aromatische Weine grundsätzlich gegeben.
Eine Kennzahl macht allerdings deutlich, wie schnell sich der Jahrgang entwickelt. Die titrierbare Säure liegt 2026 bei 9,0 g/l, zum vergleichbaren Zeitpunkt des Vorjahres waren es 13,7 g/l. Das ist nur eine Momentaufnahme, zeigt aber eindrucksvoll die Dynamik des heurigen Reifeverlaufs.
„Die Herausforderung wird daher sein, Reife und Frische in Balance zu halten“, sagt Kast. Wer zu lange wartet, riskiert weiteren Säureabbau, während gleichzeitig die Zuckerwerte und damit später auch die Alkoholwerte weiter steigen. Wer dagegen zu früh liest, nimmt möglicherweise noch nicht vollständig entwickelte Aromatik und physiologische Reife in Kauf. Das richtige Zeitfenster wird deshalb heuer besonders wichtig.
Regen könnte selbst jetzt noch einen positiven Beitrag leisten. Laut dem Bundesamt für Wein- und Obstbau Klosterneuburg könnten ausreichende Niederschläge die Entwicklung der Beeren günstig beeinflussen, Zucker- und Säurewerte stabilisieren und die Trauben wieder saftiger werden lassen. Auch die Reben selbst würden eine Entlastung vom Trockenstress erfahren. Für die Holzreife und damit die Entwicklung der Rebstöcke für das kommende Jahr wäre zusätzliche Wasserversorgung ebenfalls von Vorteil.
Jetzt zählt die genaue Beobachtung
Für die Winzer bedeutet die Situation vor allem eines: Die kommenden Wochen verlangen mehr Aufmerksamkeit als in einem durchschnittlichen Jahr. Reifeproben sollten regelmäßig durchgeführt werden. Neben °KMW gehören Säure, pH-Wert, der Geschmack von Beeren und Kernen sowie der Gesundheitszustand der Trauben in die Beurteilung.
Jetzt geht es um sehr genaue Beobachtung.
Stefan Kast
„Jetzt geht es vor allem um sehr genaue Beobachtung“, sagt Kast. Eine Entscheidung allein anhand eines einzelnen Messwertes wäre heuer riskant. Vielmehr müsse jeder Betrieb die Entwicklung seiner Sorten, Lagen und Traubenpartien individuell verfolgen.
Auch bei der Laubarbeit ist Augenmaß gefragt. Eine zu starke Freistellung der Traubenzone kann bei intensiver Sonneneinstrahlung das Risiko für Sonnenbrand erhöhen. Gleichzeitig muss der Bestand ausreichend belüftet bleiben. Wo Trockenstress herrscht, sollte zusätzliche Konkurrenz um das knappe Wasser möglichst vermieden werden.
Besondere Bedeutung bekommt heuer auch die Organisation der Lese. Wenn eine Partie den optimalen Reifezustand erreicht, muss ein Betrieb rasch reagieren können. „Flexibilität bei der Lese wird heuer wahrscheinlich wichtiger sein als ein lange im Voraus festgelegter Ernteplan“, erklärt Kast. Personal, Transport und Kellerkapazitäten sollten daher möglichst auf unterschiedliche Lesefenster vorbereitet sein.
Was der Jahrgang für die Zukunft zeigt
Der heurige Sommer ist für Kast nicht nur eine Herausforderung für die aktuelle Ernte, sondern auch ein Hinweis auf die Aufgaben der kommenden Jahrzehnte. „Wir müssen davon ausgehen, dass Jahrgänge mit früher Vegetationsentwicklung, längeren Trockenphasen und Hitzeperioden häufiger werden.“
Die Antwort darauf könne nicht allein Bewässerung heißen. Gefragt seien insgesamt widerstandsfähigere Weingärten. „Ein Schwerpunkt muss deshalb auf klimafitten Weingärten liegen.“ Dazu gehören Bodenpflege und Humusaufbau, ein angepasstes Begrünungs- und Laubwandmanagement sowie ein intelligenter Umgang mit Wasser.
Eine zentrale Zukunftsfrage sieht Kast bei den Unterlagsreben. „Ein Weingarten, den wir heute pflanzen, soll schließlich auch in 30 oder 40 Jahren noch wirtschaftlich und qualitativ funktionieren.“ Dafür brauche es mehr angewandte Forschung und langfristige Versuche unter österreichischen Bedingungen. Trockenheits- und hitzetolerantere Unterlagsreben seien dabei ein besonders wichtiges Thema. Gleichzeitig müsse der Weinbau offen über neue Züchtungsmethoden und technologische Entwicklungen diskutieren.
Jahrgang 2026 – die wichtigsten Fakten
Sehr früher Reifeverlauf: Mitte August lagen die Reifewerte im Durchschnitt bereits bei rund 17 °KMW.
Hohe Einzelwerte: Grüner Veltliner in Klosterneuburg erreichte knapp 20 °KMW, Chardonnay in St. Margarethen mehr als 19 °KMW.
Kleine Ernte erwartet: Die Beeren sind vielerorts sehr klein, wodurch die Saftausbeute sinkt. Eine seriöse österreichweite Mengenschätzung ist derzeit noch nicht möglich.
Trockenstress: Besonders betroffen sind Junganlagen, flachgründige Böden und sehr trockene Standorte.
Qualitätspotenzial: Gesunde, kleine Beeren können trotz geringerer Erträge konzentrierte Inhaltsstoffe und ausgeprägte Aromen entwickeln.
Säureentwicklung: Die titrierbare Säure liegt derzeit bei 9,0 g⁄l, gegenüber 13,7 g⁄l zum vergleichbaren Zeitpunkt 2025.
Entscheidend: Reifeproben, Beerengeschmack, Säure, pH-Wert und Gesundheitszustand müssen gemeinsam beurteilt werden.
Zukunft: Klimafitte Weingärten, Bodenpflege, Humusaufbau, angepasstes Begrünungsmanagement und geeignete, trockenheits- und hitzetolerante Unterlagsreben werden wichtiger.
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