Der Acker ist ein Solarkraftwerk. Angetrieben von Sonnenlicht und Wasser. Die wichtigsten Rohstoffe sind CO2 aus der Luft und Nährstoffe wie Phosphor und Stickstoff. Wenn Gemüse, Getreide, Stroh oder Gras geerntet wird, dann werden Nährstoffe abgeführt. Im gleichen Maß muss Dünger zurückgebracht werden. Nur so entsteht ein geschlossener Kreislauf. Wird zu wenig gedüngt, hungert der Boden aus.
Um 1900 waren viele Schweizer Böden ausgezehrt. Für die Artenvielfalt war das prima. Aus den Trockengebieten im Süden und den Steppen im Osten konnten Hungerkünstler einwandern. Für die Menschen war es weniger prima. Die Erträge waren tief. Um 1900 hatte die Schweiz einen Selbstversorgungsgrad von 50 bis 60 Prozent, obwohl die Bevölkerung bloß 3,3 Millionen umfasste. Bei Fleisch und Milchprodukten herrschte Vollversorgung. Mehr als 80 Prozent des Getreides stammte aus Importen. Nicht nur die Böden, auch die Leute waren hager.
Intensität der Grüns
Stickstoff ist ein wesentlicher Baustoff des Lebens. Er ist der wichtigste Baustein von Proteinen, umgangssprachlich als Eiweiße bezeichnet. Auch im Chlorophyll kommt er vor, das zur Photosynthese der Pflanzen benötigt wird. Stickstoffmangel wird an der fehlenden Intensität der Grüns erkannt. Bis vor gut hundert Jahren gab es drei Quellen: mineralische und organische Dünger sowie stickstofffixierende Bakterien. Importe waren teuer und stammten aus Südamerika, wo im Tagebau Salpeter gewonnen wurde. Verschiedene Pflanzen besitzen an den Wurzeln sogenannte Knöllchenbakterien. Sie binden Luftstickstoff und machen ihn pflanzenverfügbar, düngen sich also selber. Man findet sie bei Schmetterlingsblütlern (Bohnen, Erbsen, Klee) und Erlen.
Die Bauern fahren Gülle aufs Feld und holen später die Lebensmittel. Statt ihnen den Stinkefinger entgegenzustrecken, hätten sie ein Daumen-hoch verdient.
Marcel Züger, Schweizer Biologe
Organischen Dünger gibt es in Form von Kompost, Mist und Gülle. Menschliche Ausscheidungen gehören auch dazu. Fäkalien wurden seit je in der Landwirtschaft eingesetzt. Bis vor wenigen Jahrzehnten landete die Notdurft ohnehin auf dem Misthaufen. Später blieben die Feststoffe in den Abwasserreinigungsanlagen als Klärschlamm zurück und wurden im Ackerbau eingesetzt. Seit 2006 wird er verbrannt. Die Rückstände von Waschmitteln, Kosmetika, Hormonen (aus Verhütungsmitteln) und Pestiziden (aus der Haustierhaltung) sowie weitere Chemikalien und Schwermetalle lassen eine Verwertung nicht mehr zu. Die Entsorgung ist unumgänglich, entzieht dem Kreislauf aber Nährstoffe.
Eine eigentliche Revolution gelang 1910. Die Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch entdeckten das Verfahren zur Herstellung mineralischer Stickstoffdünger. Der Stickstoff stammt aus der Luft. Der Prozess ist jedoch extrem energieintensiv und basiert meist auf fossilen Energieträgern. Die größten Produzenten sind China, Indien, Russland, die USA und die Golfstaaten.
Dank Kunstdünger sowie fortschreitender Mechanisierung und Züchtung leistungsstärkerer Sorten stiegen die landwirtschaftlichen Erträge. Die Hektarerträge bei Weizen und Kartoffeln sind heute drei- bis viermal so hoch wie um 1900. Mitte der achtziger Jahre konnten 4,2 Millionen Menschen von Schweizer Böden ernährt werden. Mehr als während der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Derzeit sind es gut vier Millionen, Tendenz sinkend. Die Sorten sind zwar nochmals ertragreicher geworden, aber namhafte Flächen wurden überbaut.
Die Hektarerträge bei Weizen und Kartoffeln sind heute drei- bis viermal so hoch wie um 1900.
Marcel Züger, Schweizer Biologe
Ausgeklügelte Düngepläne
In den 1980er Jahren galt eine unbedingte Wachstumseuphorie. Kunstdünger waren billig, und es galt das Credo: Viel hilft viel. Die Anzahl Schweine und Kühe war fast 50 Prozent größer als heute. Entsprechend viel Gülle wurde eingesetzt, Klärschlamm sowieso. Gedüngt wurde bis zum Gewässerrand. Oder darüber hinaus. Abwässer aus Industrie und Haushalten gingen schlecht oder ganz ungeklärt raus. Die Folgen: überdüngte und geschädigte Flüsse und Seen, schäumende Bäche, belastetes Grundwasser.
Über 50 Milliarden Franken wurden in die Abwasserreinigung investiert. Die Bauern arbeiten nach ausgeklügelten Düngeplänen. Grundlage bilden Bodenanalysen und Bedarfsermittlungen der unterschiedlichen Ackerfrüchte. Spezifisch wirksame Kunstdünger werden gezielt mit Gülle, Mist und Kompost kombiniert. Die Ausbringung geschieht punktgenau mittels Sensoren, die während der Fahrt messen, wie grün die Pflanzen sind und wie groß ihr Nährstoffbedarf ist. Um Ausschwemmungen zu verhindern, werden Äcker möglichst rasch wieder bepflanzt. Entlang von Gewässern und Gehölzen sind ungedüngte Pufferstreifen vorgeschrieben.
Die Bauern fahren Gülle aufs Feld und holen später die Lebensmittel. Statt ihnen den Stinkefinger entgegenzustrecken, hätten sie ein Daumen-hoch verdient.
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