„Wertschätzung und faire Rahmenbedingungen sind entscheidend"

Am 8. März ist Weltfrauentag. Andrea Lechleitner, Tiroler Landesbäuerin-Stv. und Bauernbundobmann-Stv. im Gespräch mit der BauernZeitung über die Vielseitigkeit ihres Alltags zwischen Stall, Familie und Unternehmertum.

Andrea Lechleitner

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Was liebst du an deinem Alltag am Hof und was fordert dich am stärksten?

Andrea Lechleitner Am meisten liebe ich die Vielseitigkeit meines Alltags. Kein Tag ist wie der andere – die Arbeit mit den Tieren, in der Natur, mit der Familie. Es erfüllt mich, zu sehen, was mit den eigenen Händen entsteht. Liebe auch den Umgang mit unseren Gästen. Besonders schön ist es, im Rhythmus der Jahreszeiten zu leben. Am stärksten fordern mich die wirtschaftlichen Unsicherheiten. Preisschwankungen oder neue Auflagen begleiten uns permanent. Außerdem ist es oft eine Herausforderung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen – Freizeit kennt man am Hof nur begrenzt.

Wie hat sich das Bild der Bäuerin in den letzten 20 Jahren verändert?

Andrea Lechleitner Das Bild der Bäuerin hat sich stark gewandelt. Früher wurde sie oft „mitarbeitend“ wahrgenommen, heute ist sie vielfach Betriebsführerin, Unternehmerin und Entscheidungsträgerin. Viele Frauen bringen neue Standbeine auf die Höfe – Direktvermarktung, Urlaub am Bauernhof, Bildung, soziale Angebote oder innovative Produktideen. Gleichzeitig sind Bäuerinnen heute sichtbarer, selbstbewusster und besser vernetzt. Ausbildung und Weiterbildung spielen eine viel größere Rolle als noch vor 20 Jahren.

Die gleichwertige Beteiligung von Frauen und Männern in Politik und Gesellschaft ist auch in der Landwirtschaft Thema. Wie sieht es mit der Teilhabe von Frauen bei agrarpolitischen Themen aus?

Andrea Lechleitner Frauen engagieren sich zunehmend in agrarpolitischen Gremien, Verbänden und Interessensvertretungen. Dennoch sind viele Führungspositionen nach wie vor männlich dominiert. Oft fehlt es Frauen nicht an Kompetenz, sondern an Zeitressourcen – Familie, Hofarbeit und Ehrenamt gleichzeitig zu stemmen, ist anspruchsvoll. Thematisch setzen Frauen häufig Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Regionalität, Bildung, Diversifizierung und sozialer Absicherung. Große Herausforderungen sehe ich aktuell in der Einkommenssicherung, im Bürokratieaufwand und in der gesellschaftlichen Wertschätzung unserer Arbeit.

Was braucht es, damit junge Frauen in der Landwirtschaft bleiben?

Andrea Lechleitner Es braucht Perspektiven – wirtschaftlich, persönlich und gesellschaftlich. Junge Frauen müssen echte Mitentscheidung und Eigentumsperspektiven bekommen. Wertschätzung und faire Rahmenbedingungen sind entscheidend. Einer jungen Hofübernehmerin würde ich raten: • Trau dir Kompetenz zu. • Hol dir Wissen und baue dir ein Netzwerk auf. • Entwickle deinen eigenen Weg am Hof. • Sprich offen über Erwartungen und Rollenverteilung. • Achte auch auf deine eigene Lebensqualität. Selbstbewusstsein ist genauso wichtig wie fachliches Know-how.

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Was bedeutet der Weltfrauentag für dich als Bäuerin? Wo gibt es noch Handlungsbedarf in Sachen Gleichberechtigung?

Andrea Lechleitner Der Weltfrauentag ist für mich ein Tag der Sichtbarkeit. Er erinnert daran, wie viel Frauen leisten – auch in der Landwirtschaft, wo viele Arbeiten noch immer selbstverständlich und oft unsichtbar sind. Handlungsbedarf sehe ich bei der sozialen Absicherung, bei Eigentums- und Betriebsübergaben sowie in Führungspositionen. Gleichberechtigung bedeutet nicht nur Mithelfen, sondern Mitentscheiden – wirtschaftlich wie politisch.

Worauf bist du als Bäuerin besonders stolz?

Andrea Lechleitner Ich bin stolz darauf, dass das Miteinander der Generationen am Hof gut funktioniert und wir unseren Familienbetrieb in die nächste Generation zu führen. Stolz macht mich auch, Tradition und Innovation zu verbinden – Bewährtes zu erhalten und gleichzeitig Neues zu wagen. Und ganz besonders stolz bin ich auf das, was wir als Familie gemeinsam schaffen. Landwirtschaft ist nicht nur ein Beruf – sie ist eine Lebensform.

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