Acht Uhr morgens in Windhaag bei Freistadt, Oberösterreich. Ein älterer Herr kommt mit Stock fest in der Hand, den Arm bei seiner Begleitung eingehängt durch die Tür. „Guten Morgen“, ruft Renate Pointner, fast gleichzeitig mit einer Pflegerin, die schon auf sie zukommt.
Drinnen ist es lebendig: Auf der einen Seite bereitet die Köchin einen Kuchen vor. Einige ältere Damen sitzen bereits am Tisch und schneiden eifrig Äpfel. Friedrich setzt sich langsam zu ihnen.
„Er wird 94", erzählt seine Nichte, die ihn morgens herbringt. „Er war selbst Landwirt, war immer draußen, immer bei den Tieren. Deshalb bringen wir ihn hierher. Hier gibt es Tiere, den Garten und Natur".
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Hof statt Heim
Dass ein Bauernhof genau das bieten kann, was ältere Menschen brauchen, hat Renate Pointner in ihren dreißig Jahren als diplomierte Krankenpflegerin gelernt. Als ihr Mann Gottfried 2013 den elterlichen Milchwirtschaftsbetrieb übernahm, sah sie die Möglichkeit, Pflege und Landwirtschaft zu verbinden. „Wir haben gesagt, wir trauen uns." Nach zwei bis drei Jahren Planung und Umbau öffnete das Tageszentrum mit Unterstützung des Sozialhilfeverbands Freistadt und im Rahmen von Green Care seine Türen – als eines der ersten Projekte dieser Art in Österreich. Wo früher ein Teil des Stalls war, werden heute rund zehn Gäste täglich fünf Tage die Woche betreut.
Die Aufgabenteilung ist klar: Ihr Mann Gottfried verantwortet den landwirtschaftlichen Teil des Betriebes mit circa 36 Hektar, davon 13 Hektar Wald. Dazu zehn Alpakas, zwölf bis fünfzehn Ochsen, drei Ziegen und Kaninchen. Renate führt das Tageszentrum, unterstützt von acht Mitarbeitern sowie circa 20 freiwilligen Helfern, auf die sie bei Bedarf zurückgreifen kann. „Ohne sie wäre die Betreuung, wie wir sie bieten, nicht möglich", betont sie. Die Kosten sind je nach der Pensionshöhe gestaffelt. Zusätzlich wird pro Betreuungstag ein Dreißigstel vom Tagessatz des Pflegegeldes verrechnet.
Tiere als Teil der Betreuung
Was das Angebot von anderen Tageszentren unterscheidet, ist nicht nur die Kulisse. Pointner ist ausgebildete Fachkraft für Tiergestützte Intervention, die Therapietiere sind kommissionsgeprüft. „Tiere können Schmerzen umlenken. Die Klienten werden ruhiger, und die Motivation zur Bewegung ist eine ganz andere", erklärt sie. Statt Gehtraining im leeren Raum gibt es den Weg zum Stall, das Füttern der Alpakas, das Helfen im Garten.
Nach dem Schneiden der Äpfel gehen zwei Tagesgäste mit hinaus zu den Alpakas. Im Stall setzt sich Emma auf einen Stuhl zu den Tieren mit Heu in der Hand. „Das sind so schöne Tiere", sagt sie. „Da könnte man den ganzen Tag zuschauen." Währenddessen bricht eine freiwillige Helferin mit einer anderen Klientin zur Waldrunde auf. Die Pflegerinnen wissen, dass sie gerne spazieren geht, und richten sich danach. Man kennt die Menschen hier, ihre Gewohnheiten, ihre kleinen Freuden.
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Alltag wie früher
Grob- und Feinmotorik werden so ganz nebenbei gefördert. Die meisten Gäste kommen aus dem bäuerlichen Umfeld des Bezirks Freistadt. "Wenn eine Klientin sagt, ich möchte wieder Erdäpfel setzen, dann geht man mit ihr an den Acker und macht das – begleitet, nicht überfordernd", schildert Pointner. Erinnerungsarbeit und Alltag fließen ineinander. Auch das gemeinsame Essen gehört dazu: frisch gekocht aus eigenen Kartoffeln, Gemüse und Fleisch vom Hof.
Dahinter steht ein klares Ziel: Ältere Menschen sollen so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Seit etwa einem Jahr bietet das Tageszentrum dafür auch Kurzzeitpflege an, Gäste können vorübergehend auf dem Hof übernachten, damit sich Angehörige erholen oder in Urlaub fahren können. „Der pflegende Angehörige ist für mich genauso wichtig. Wenn der nicht ist, kann auch der Klient nicht daheim sein", sagt Pointner. Das Angebot steht allen offen, von keiner Pflegestufe bis Pflegestufe sieben.
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Heuer feiert der Betrieb sein zehnjähriges Bestehen. Die nächste Generation wächst langsam in den Betrieb hinein. Eine Tochter übernimmt den sozialen Bereich, eine weitere die Büroarbeit. Das Resümee: „Vor zehn Jahren wussten wir nicht, ob es funktionieren wird. Heute sagen wir: Es war die richtige Entscheidung", so der Landwirt. Für die Familie, für den Betrieb und für alle, die mit dem Stock in der Hand durch die Tür kommen.
Betriebsspiegel:
Betreiberin: Renate und Gottfried Pointner
Standort: Windhaag bei Freistadt, Oberösterreich
Angebot: Tagesbetreuung, Kurzzeitpflege, tiergestützte Therapie, Beratung für pflegende Angehörige
Pflegestufen: Null bis sieben
Tiere: 10 Alpakas, 12–15 Ochsen, 3 Ziegen, Kaninchen
Fläche: 36 Hektar (davon 13 Hektar Wald)
Kooperation: Sozialhilfeverband Freistadt
Träger: Verein Tagesbetreuung am Bauernhof
Auszeichnung: Agrarpreis OÖ 2016 (Anerkennungspreis), Green-Care-zertifiziert
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